Zum Inhalt springen

Die systemische 13 · Teil 13

Beobachtung vs. Bewertung

VonDennis Sawatzki2 Min. Lesezeit
Inhalt · 5 Abschnitte
  1. Beobachten statt bewerten
  2. Die systemische Grundlogik im Coaching
  3. Bedürfnisorientierung als Gegenpol zur Bewertung
  4. „Echtes“ Feedback als bewertungsfreie Rückmeldung
  5. Systemische Befangenheit und professionelle Selbstreflexion

Beobachten statt bewerten

Systemische Coaches beobachten statt zu bewerten, sie beschreiben statt zuzuschreiben.

Im Bewertungssystem Schule fällt es Lehrenden wie Leitenden oftmals schwer, von ihren gewohnten Rollenmustern abzulassen. Dies gilt sowohl für die Rolle als Coachee hinsichtlich ihrer Erwartungshaltung gegenüber einem Coaching („War das richtig, was ich getan habe?“, „Sagen Sie mir, was ich tun soll.“, „Was würden Sie an meiner Stelle machen?“) als auch für den Fall, dass sie sich selbst zu Coaches weiterbilden, etwa für Lerncoaching, Berufsberatung oder Coaching als Führungskraft.

Der Hang zur Bewertung ist ein schwer überwindbarer Automatismus – und er berührt das Denken gleichermaßen wie das Sprechen. Unsere wertenden Sprachmuster zunächst als solche zu identifizieren und dann situationsangemessen auszusetzen, ist keine Technik, sondern Persönlichkeitsentwicklung.

Die systemische Grundlogik im Coaching

Im systemischen Coaching steht die Beobachtung an erster Stelle:

01

Wahrnehmen und beobachten

02

Hypothesen bilden und anbieten

03

Interventionen vorschlagen und durchführen

Das ist die typische Herangehensweise im Coaching.

Bedürfnisorientierung als Gegenpol zur Bewertung

Um nicht in Bewertungsmuster zu verfallen, hilft die Grundannahme, die auch aus der Gewaltfreien Kommunikation bekannt ist, dass hinter jedem Verhalten ein guter Grund stecke und jede Handlung einen Versuch darstelle, ein Bedürfnis zu erfüllen (Rosenberg, 2016).

Wenn Coaches diese Haltung verinnerlicht haben, fällt es leichter, den Blick auf Bedürfnisse, gute Gründe, Ressourcen und Lösungen zu richten.

„Echtes“ Feedback als bewertungsfreie Rückmeldung

Ein ähnliches Konzept ist gemeint, wenn von „echtem“ Feedback gesprochen wird (Sawatzki, 2023). Der alltagssprachlich verwendete Begriff „Feedback“ wird häufig sehr undifferenziert und inflationär gebraucht.

Der eigentliche Grundgedanke eines Feedbacks ist jedoch, eine bewertungsfreie Rückmeldung zu geben und die Bewertung dem Empfänger zu überlassen. Zumeist handelt es sich bei sogenannten Feedbacks jedoch um verklausulierte oder abgeschwächte Kritik – positiv wie negativ.

Systemische Befangenheit und professionelle Selbstreflexion

Auch die systemische Befangenheit spricht für konsequente Beobachtung. Denn auch Coaches sind in soziale Systeme eingebunden und in ihrem Agieren abhängig von Kommunikation und Interaktion, Rückmeldung und Bestätigung. Dadurch besteht stets die Gefahr, dass eigene Kontexte zu Bewertungen verleiten oder Situationen eindimensional betrachtet werden.

Auch die eigene Biografie sowie bearbeitete oder unbearbeitete psychische Themen können Triggerpunkte darstellen oder zu Übertragung und Gegenübertragung führen (Storck, 2025). Hierdurch kann es im Coaching zu bestimmten Äußerungen, Handlungen oder Wertungen kommen.

Neben Nahbarkeit – für Empathie, Authentizität, Wertschätzung und Resonanz – ist daher immer auch eine professionelle Distanz geboten. Daraus ergibt sich das systemische Prinzip der distanten Nähe.

Häufige Fragen

Was bedeutet „beobachten statt bewerten“ im systemischen Coaching?

Systemische Coaches beobachten statt zu bewerten, sie beschreiben statt zuzuschreiben. Die Beobachtung steht in der systemischen Grundlogik an erster Stelle: wahrnehmen und beobachten, Hypothesen bilden und anbieten, Interventionen vorschlagen und durchführen. Der Hang zur Bewertung ist allerdings ein schwer überwindbarer Automatismus, der Denken und Sprechen gleichermaßen berührt.

Warum fällt Lehrkräften das Nicht-Bewerten im Coaching schwer?

Im Bewertungssystem Schule fällt es Lehrenden wie Leitenden oft schwer, von gewohnten Rollenmustern abzulassen. Das gilt als Coachee, etwa mit Erwartungen wie „War das richtig, was ich getan habe?“ oder „Sagen Sie mir, was ich tun soll.“, und ebenso, wenn sie sich selbst zu Coaches weiterbilden, etwa für Lerncoaching, Berufsberatung oder Coaching als Führungskraft. Die Weiterbildung Systemisches Coaching richtet sich auch an diese Zielgruppen.

Was hilft Coaches, nicht in Bewertungsmuster zu verfallen?

Hilfreich ist die aus der Gewaltfreien Kommunikation bekannte Grundannahme, dass hinter jedem Verhalten ein guter Grund steckt und jede Handlung ein Versuch ist, ein Bedürfnis zu erfüllen (Rosenberg, 2016). Wer diese Haltung verinnerlicht hat, richtet den Blick leichter auf Bedürfnisse, gute Gründe, Ressourcen und Lösungen.

Was ist „echtes“ Feedback?

Der eigentliche Grundgedanke eines Feedbacks ist, eine bewertungsfreie Rückmeldung zu geben und die Bewertung dem Empfänger zu überlassen (Sawatzki, 2023). Zumeist handelt es sich bei sogenannten Feedbacks jedoch um verklausulierte oder abgeschwächte Kritik, positiv wie negativ. Warum etwa das Sandwich-Modell kein echtes Feedback ist, erklärt der Beitrag Feedback in der Hochschullehre.

Was bedeutet distante Nähe im systemischen Coaching?

Auch Coaches sind in soziale Systeme eingebunden und abhängig von Kommunikation, Rückmeldung und Bestätigung; eigene Kontexte, die eigene Biografie oder unbearbeitete Themen können zu Bewertungen, Übertragung und Gegenübertragung führen (Storck, 2025). Neben Nahbarkeit für Empathie, Authentizität, Wertschätzung und Resonanz ist daher immer auch professionelle Distanz geboten. Daraus ergibt sich das systemische Prinzip der distanten Nähe.

Sie möchten das Thema an Ihrer Einrichtung angehen?

Wir beraten, moderieren und bilden fort – zugeschnitten auf Ihr Kollegium, Ihre Hochschule oder Ihr Team.

ISH Gruppe, Bochum

+49 234 54 57 41 0
office@ish-gruppe.de
Mo–Fr 8–14 Uhr